Texte & Medien

Texte von Eckhard Rhode zu Bildern von Christine Ratka


Licht   Bewegung   Raum   Körper   Schatten
 
 
Notizen
 
 
 
1.
 
 
Die Malerei, das Bild „Strömung Bewegung rot-braun“ ( 2024 )(1) von Christine Ratka interessiert mich, seit ich sie ( diese Malerei ), und seit ich es ( dieses Bild)  das erste Mal gesehen habe; warum, ist nicht leicht und einfach zu sagen! Erinnerte sie, erinnerte es mich an ein, zwei, drei, mehrere Gemälde von Ernst Wilhelm Nay(2)? Oder an ein anderes , weiteres Gemälde von Christine Ratka, das den Titel  „Blaue Collage , 100 x 70 cm, 2018“ (3) trägt? Was wäre diesen Gemälden, diesen Malereien gemeinsam; was unterscheidet sie voneinander; oder: sind diese Fragen einfach nur falsch gestellt?
 
 

2.
 
 
Die Malerei von Christine Ratka nehme ich als eine sehr ‚körperliche‘ wahr! Was ist mit dieser – in gewissem Sinne: abgegriffenen  – Bezeichnung, mit diesem Begriff ‚körperlich‘ gemeint, beziehungsweise bezeichnet? Ich möchte damit nicht einer Art von ‚action painting‘ oder einer Art von Handlungen wie denen des sogenannten ‚Wiener Aktionismus‘ ( dessen Bedeutung und Wirken ich aber nicht schmälern kann und will (4, 5)  )  in Bezug auf ihre Malerei das Wort reden – das wäre falsch, und so sehen die Malereien von Christine Ratka auch nicht aus; ich markiere hier zunächst erst einmal nur einen einfachen Unterschied, eine Differenz!
 
 
Ich nehme aber wahr, wenn ich Sie (C.R.) beim Malen mit ein wenig Abstand  – und nur kurz, wie im Vorübergehen in einer Wohnung von Tür zu Tür –  beobachte, also einen kurzen Blick auf Sie und ihr Tun werfe, daß Sie den Pinsel sehr grazil als eine Verlängerung Ihres Armes benutzt, und dann damit und so ihre Setzungen auf Papier und Leinwand vollzieht! Ich sehe sie dann fast ein wenig wie eine Tänzerin, die  – ist die Entscheidung für eine malerische Setzung gefallen – sich von ihrem Arm führen lässt, der so dem Körper vorausgeht, ohne den Kontakt zum Körper zu verlieren. Diese Führung, diese Fügung , diese Geste, diese Bewegung des Armes und seines damit zusammenhängenden Körpers wird dann und damit im Sinne (s)einer malerischen Setzung sichtbarer Teil des Bildes.
 
 
3.
 
 
Die Malereien,  Gemälde, Bilder, Zeichnungen und Collagen von Christine Ratka weisen eine gewisse Fülle und Dichte auf; ihr Bildraum ist eher ein gefüllter, weniger ein geleerter; es herrscht manchmal fast eine gewisse ‚Üppigkeit‘ der farblichen Formen und Setzungen vor!(6)  Sie malt ( und zeichnet) aber mit einer gewissen Vorsicht und Bestimmtheit; sie malt nicht ‚drauf los‘, ‚agiert‘
nicht; die formalen und formenden Setzungen und ‚Züge‘ ihrer Malerei(en) und Zeichnungen sind sowohl vorsichtig – das ist kein Makel – als auch bestimmt!
 
 
4.
 
 
Von gewissen Einflüssen, ihre Malerei betreffend, zu sprechen, ist nicht leicht; sie bestehen auch – aber natürlich nicht nur – im gemeinsamen Sprechen von Malerei und dem Schauen und Betrachten von Bildern zwischen ihr und mir. Es ist einfacher, hier andere Namen zu nennen: Avigdor Arikha(7)
( auf dessen Malerei mich mein Psychoanalytiker Franz Kaltenbeck in Bezug auf einen Text von Samuel Beckett aufmerksam gemacht hatte(,8) ),  Joan Mitchell, Asger Jorn, Oskar Kokoschka, Lee Krasner … – schwieriger ist, den Einfluss ( so es ihn gibt ) auf die Form ihrer Malerei – und ihre Zeichnungen – genauer zu zeigen!
 
 
5.
 
 
Und um nicht zu schnell weiter zu gehen, sondern auf den beiden Namen Samuel Beckett und Avigdor Arikha zu beharren, möchte ich Ihnen Samuel Becketts achtzeiligen Text aus dem Jahr 1966 zu den Arbeiten und Werken des Malers und Zeichners  Avigdor Arikha vortragen! Dieser Text stellt keine Fragen; er schreibt von den nicht weiter zu hintergehenden Erfahrungen, Mitteln, Notwendigkeiten und Formen des Malens und einer Malerei; mehr als in diesen wenigen Worten Becketts lässt sich nicht davon sagen:
 
 
„ Für Avigdor Arikha“


„Wieder auf dem Sprung gegenüber dem unbezwinglichen Außen. Auge und Hand fiebernd nach dem ‚Nicht-Selbst. Durch die von ihm unablässig veränderte Hand unablässig verändertes Auge. Zum Nicht-zu-Sehenden und Nicht-zu-Schaffenden vor- und zurückstoßender Blick. Ruhe im Hin und Her und Spuren dessen, was es heißt, zu sein und gegenüber zu sein. Tiefe wunde Spuren.“ (9) 
 
 
Becketts Text liest sich im Original wie folgt:
 
 
 „For Avigdor Arikha“
 
 
„Siege laid again to the impregnable without. Eye and hand fevering after the unself. By the hand it unceasingly changes the eye unceasingly changed. Back and forth the gaze beating against unseeable and unmakable. Truce for a space and the marks of what it is to be and be in face of. Those deep marks to show. “(10)
 
 
 
6.
 
 
Aber wahrscheinlich ist das, was ich eben ‚schauen‘ und ‚betrachten‘ genannt habe, unzureichend für die Akte der Wahrnehmung und deren Einflüsse auf eine Zeichnung oder und eine Malerei von Christine Ratka; ganz abgesehen davon dass es fraglich und schwer vorauszusehen ist, wie sich ein gemeinsames Betrachten von Bildern, ein zorniges oder liebevolles Gespräch auf eine Malerei, auf ein Malen und Zeichnen auswirkt; das bleibt den jeweils einzelnen Bildern – sollte es auch eine Serie sein – vorbehalten zu zeigen. Wie in Bezug auf jedes Kunstwerk ist es immer entscheidend, was einer  – oder eine – daraus gemacht hat und macht: aus einer Wahrnehmung einer Empfindung, einem Hören eines Wortfetzens, einer Nebenbemerkung, einem Lichteinfall, einem Blick  – und von der Lektüre eines Aufsatzes und einem Buch, den  Einwirkungen von Licht, Schatten, Liebe, Farbe, Leben, Trauer, Sterben, Sprechen und Form!
 
 
 
*
 
 
 
(1)  Mail vom 13.6. 2025 von Christine Ratka an E.R. in Bezug auf den Titel dieses Bildes. – Diese Malerei kann auf
       der Webseite von Christine Ratka abgerufen werden; sie befindet sich derzeit im Besitz von mir. (E.R.)
(2)  Erwähnt seien hier vor allem Ernst Nays Bilder : „Gelbtanz“  (1960), „Nachtlied“ ( 1961), „Purpur und Ocker“
      (1959) und „Raumkreis“ (1962). Siehe „Retrospektive E.W.Nay“; Köln 1990, S. 72, 73, 70 und 76.
(3)  Als Postkarte erhältlich; Photo B. Eismann; siehe auch: htps://christineratka.com.
(4)  Mit der  – in gewissem Sinne doch abschätzigen – Bemerkung der Arbeiten des sog. ‚Wiener Aktionismus‘ als
      „..Niedlichkeit von Doktorspielchen..“  bin ich nicht einverstanden; das würde den Arbeiten eines Günther Brus
      ( zum Beispiel : „Wiener Spaziergang – Aktion von 1965 )  nicht nur nicht gerecht, sondern geht an der Sache
       vorbei. – Siehe Heinz Emigholz: „Das schwarze Schamquadrat“; Berlin 2002, S. 103.
(5)  Siehe auch „Kunst und Psychoanalyse – Symposium zu Ehren von Günter Brus“; darin : Franz Kaltenbeck: „Kunst
       und Psychoanalyse“; Pecs 2010, S. 23 – 31.
(6)  Siehe zum Beispiel – als Postkarte erhältlich – die ‚Blaue Collage‘, 100 x 70 cm, 2018; Photo B. Eismann;
       https://christineratka.com
(7)  Siehe  den umfangreichen Katalog von Duncan Thomson : „Arikha“; London 1994.
(8)  Siehe Samuel Beckett: „Für Avigdor Arikha“; in Samuel Beckett: „Das Gleiche nochmal anders – Texte zur
       Bildenden Kunst“; Frankfurt am Main (Suhrkamp) 2000, S. 65.
(9)  Siehe Fn.8, ebd.
(10)  Siehe Samuel Beckett: „Disjecta – Miscellaneous Writings and a Dramatic Fragment“; New York 1984, S. 152.
 
 
 

Imaginäre Landkarte. Oder imaginierte Landschaft. Oberflächen von Atollen. Auf und Abtauchendes. Tiefe und Untiefe. Massiv. Atome und Partikel. Gebündeltes und Gestrecktes. Cluster. Klang. Aufgewühltes. Langgezogenes Rot. Was ausrutscht von der Zunge. Zungenbrecher. Umspülendes und Umspültes. Blau. Flecken und Flechten. Surreal. Real. Kartographiertes neben eisigem Weiss. Vernarbtes. Vernähtes. Fäden. Schlingen. Zwischen sich klumpendem Dunkel. Braunes Braun. Ultramarinbraun. Tintiges Blau. Keine Zeit, Signale. Schrapnellspur. Scharf. Kruste. Oben wie. Das Gebirge blaues Braun. Unten. Tiefer. Untiefen. Sich stützend stürzen. Fern Fernes nah. Nach dem Gewordenen. Von Flächen und Furchen. Im Raum Reales.

10/01/2023

auf der kippe stehende formen dies und jenseits / einer

räumlichkeit auf dunklem grund und über dunklem / grund

einbrechendes weiss moment(e) des verrutschens / schwarze

gründe graublau verzahnt cluster von strichen zum / rand hin

verschoben sich verschiebend rinnen und rinnsale / zwischen

formen ohne titel

09.10.2023

eine merkwürdig sich vernähende malerei / horizontal kaum gekrümmt
farbschichten eher stofflich / was ins rutschen kommt

unbegründend sich begründende form / an kokoschka denkend

12/10/2023 Eckhard Rhode

„Schildkröteninsel

1.
Seit ich sie kenne, seit ich sie zum ersten Mal gesehen habe, haben die Bilder, die Malerei und die Zeichnungen von Christine Ratka mir ein bestimmtes Vertrauen vermittelt, und habe ich den Bildern und der Malerei von Christine Ratka ein bestimmtes Vertrauen entgegen gebracht. Vertrauen in dem Sinne, daß ihre Bilder mich einladen, bei ihnen zu bleiben; „bleiben“ in dem Sinne: sie zu betrachten, alltäglich, ihnen beizuwohnen, von ihnen und anderen Gemälden, die sie beeinflussten, zu sprechen, und mit ihnen zu leben.

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Text von Eckhard Rhode zu den Bildern des „Hongkong„-Zyklus

Vier Gemälde von Christine Ratka

0.

Vom „..Gegebenen..“(1) ausgehen, das als Form einer Vorgabe, einer Setzung auf die vier Gemälde von Christine Ratka gewirkt hat. Zum einen der sich zuspitzende, gewalttätige Konflikt um die Annektierung der Sonderverwaltungszone Hongkong durch die ‚Volksrepublik China‘ in Hongkong im Jahr 2019; zum anderen die Fernsehbilder, Photographien und Erzählungen, die es davon zu sehen und zu hören gibt.

(Weiterlesen mit Klick auf das Bild)

Videotrailer der Ausstellung Inseln aus Papier:

„Blaue Collage“ – Lesung Eckhard Rhode 18. Juli 2024 – Multiplebox Ausstellung Bilder und Collagen 27.6. – 20.7.

1.  Es ist nicht das erste Mal, daß ich in Bezug auf ein Gemälde oder eine Zeichnung von Christine Ratka schreibe und spreche.(1, 2) Ermutigt werde ich dazu durch den seit einigen Jahren gemeinsamen Alltag mit ihr und ihren Zeichnungen, Collagen, Malereien, und den Versuchen, davon zu sprechen. Ich schreibe‚Versuche‘, denn ich nehme ihre Arbeiten wahr als ein Schriftsteller, ein Dichter, ein an Filmen und Malerei Interessierter sowie als Leser einiger Texte der Psychoanalytiker Sigmund Freud, Jacques Lacan, Franz Kaltenbeck(3) und Genevieve Morel(4). Mögliche Irrtümer betreffen also zuerst mich, und nicht die Malerei und Collagen von Christine Ratka. 1.Bei der Betrachtung eines…

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